Wo die Begierde hinfällt …

Eigentlich dachte ich, Homosexualität sei heute kein großes Thema mehr. Daher überrascht es mich, dass einige aufgrund der seitens Comic-Autor Grant Morrison getätigten Aussage, Batman sei „sehr, sehr schwul“, noch mit der Wimper zucken. Der Fledermausmann trägt ein enges, schwarzes Latexkostüm und hat einen jungen Burschen in grünen Strumpfhosen an seiner Seite. Außerdem kämpft er um Recht und Ordnung in einer molochartigen Großstadt. An wen erinnert uns das? Richtig. Klaus Wowereit. Und was ist der? Richtig. Schwul.

Etwas anders gelagert ist da der Fall des bekennenden Scientologen John Travolta. Gerüchte über dessen Homosexualität und mutmaßliche Zeugen dafür gibt es schon seit gut 20 Jahren. Dass er dies alles bestreitet und auf seine glückliche Ehe mit Kelly Preston verweist, ist ebenso lange ein Fakt. Zumal Scientology Homosexualität als krank bzw. „aberriert“ bezeichnet. Doppelt blöd also, wenn Herr Travolta seine Finger nicht dauerhaft bei sich behalten kann.

Als Hollywood-Star geht die krampfhafte Geheimhaltung gleichgeschlechtlicher Liebschaften grundsätzlich mit der Gefahr von Aufdeckung oder Erpressung einher. Doch anstatt sich einen gut bezahlten und damit finanziell abhängigen Stricher zu schnappen, dürfte die sexuelle Belästigung möglicherweise gar heterosexueller Masseure doch wohl zu den unklügsten Entscheidungen seiner Karriere zählen. Fast noch unklüger als seine Mitwirkung im Filmflop „Battlefield Earth“.

Sollten die Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen und John Travolta sich am Ende tatsächlich mal zu seiner Homo- oder zumindest Bisexualität bekennen, wird man ihn bei den Scientologen wohl im besten Falle „heilen“ oder rauswerfen. Im schlechtesten Fall kommt er – wie der schwule Sohn von Gründer Hubbard – auf mysteriöse Art und Weise ums Leben. Geschieht dies nicht, eröffnet ihm das zumindest in Sachen Rollenangebote völlig neue Möglichkeiten. Statt als Vincent Vega Marcellus Wallaces Frau den Hof zu machen, kann er dann bald mit Robin durch die einschlägigen Schwulenbars von Gotham City ziehen. Warum nicht?


We don’t need no Education

Lehrer werden ist nicht schwer. Lehrer sein dagegen sehr. – Einer neuen Studie zufolge fühlen sich viele junge Lehrer schlecht auf ihren Job vorbereitet. Mathe, Physik, Chemie, Deutsch und Englisch theoretisch gut vermitteln zu könnten, ringt mir heute einiges an Respekt ab, reicht aber eben nicht, um hormonell verwirrte Schüler in der Hochzeit ihrer Akneblüte zu begeistern. Lernen gehörte noch nie zu den Lieblingsbeschäftigungen pickeliger Teenager, sehen wir von einigen aussätzigen Streberlingen mal ab. Das sollte man wissen, wenn man sich für diesen Beruf entscheidet. Doch offenbar reichen ein sicherer Beamtenstatus und viele Wochen Ferien im Jahr als Anreiz noch immer aus, um den Wunsch zu verspüren, sich als erster, nicht blutsverwandter Unterdrücker im Leben eines Kindes zu verdingen …

Einfacher ist es nicht geworden, einer Horde vor sich hin pubertierender Wilder etwas beizubringen. Zuhören ist längst eine sehr seltene Tugend. Das dann doch mal versehentlich Aufgeschnappte auch noch umzusetzen, schier unmöglich. Jugendliche sprechen nur noch in Sätzen mit maximal 140 Zeichen. Die Mädchen träumen im Unterricht von dämlichen DSDS-Kandidaten mit dämlichen Käppis, die dämliche Songs performen. Die Jungs finden, dass das neueste Pornovideo aus der Parallelklasse die wesentlich bessere Biogrundlage ist, als das, was der sehr alte Herr Schuster (34) da vorn an der Tafel so schwätzt. Was waren noch gleich Vulva, Venushügel, Perineum und Klitoris? Egal, Hauptsache, die Jaqueline aus der 7c hat schon Brüste.

Alles, was ich an dieser Studie überraschend finde, ist die Tatsache, dass sich junge Lehrer über ihre mangelnde Vorbereitung wundern. Ich kann mich nicht an einen Lehrer aus grauer Vorzeit erinnern, der nur einigermaßen auf das vorbereitet gewesen wäre, was ihn an tagtäglichem Wahnsinn bis zur Pension so begegnete. Und wie wussten schon Pink Floyd 1979 – einer Inspiration aus der eigenen Schulzeit in den 50ern folgend:

We don’t need no education
We don’t need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teachers leave them kids alone

An dieser Einstellung wird sich wohl auch in Zukunft nicht mehr viel ändern.


Get Together 2.0

Wer im Musikbiz etwas werden will, sucht sich einen Studiopartner und versucht, sofern er selbst nichts kann, von dessen Ruhm zu profitieren. Auch wenn es an der Zeit ist, den eigenen Coolnessfaktor zu verbessern, bieten sich Kooperationen mit anderen, eben cooleren Künstlern an. Die Scissor Sisters haben ihr neues Album mit Calvin Harris – was noch passen mag – aber auch mit Diplo und Boys Noize produziert. Madonna hat sich Guetta, Orbit und noch gefühlt zwanzig andere namhafte Produzenten zur eigentlich schlaffen aber längst gestrafften Brust genommen. Geholfen hat es ihr und ihrem neuen Album wenig bis nichts. Dass jetzt die eigentlich okaye Ellie Goulding mit ihrem Liebsten Skrillex – allein diese Info ist schon mehr, als manch einer ertragen kann – und den Jungs der Swedish House Mafia einen Song aufgenommen hat, lässt mich aus Angst vor dem Ergebnis erschaudern.

Sicherlich gibt es auch zahlreiche positive Beispiele für gelungene Koops, viele davon stammen eher aus grauer Vorzeit. Dean Martin und Frank Sinatra in den 50er-Jahren. Roy Black und Anita in den 70ern. Anthrax und Public Enemy 1990. Heute muss man nach guten und wirklich etwas Neues hervorbringenden Verbindungen lange suchen. Schon eine ganze Weile lässt sich das Koop-Prinzip aber wunderbar auf andere Lebensbereiche übertragen. Facebook macht es jetzt mit Instagram. Alice mit o2. Aloe Vera mit Q10. Zahncreme mit Mundwasser. Shampoo mit Conditioner. Waschmittel mit Weichspüler. Milka mit Daim. Philadelphia mit Milka. Und einiges davon erscheint mir wesentlich sinnvoller als so manche Musikkollabo.


Geweckte Begehrlichkeiten

„Facebook kauft Instagram für 1 Millarde US-Dollar.“ Womöglich sollte einen angesichts dieser Meldung als erstes Mark Zuckerbergs Streben nach der digitalen Weltherrschaft beunruhigen. Doch die krampfhafte Suche nach einer Idee, die schon ein Jahr später einen solchen Gewinn abwirft, lähmt mich. Was braucht diese Welt, das sich dann für eine horrende Summe verjubeln lässt? Meinetwegen auch an Zuckerberg.

Man stelle sich das nur vor: Da sitzen drei Jungs, die alle aussehen, als hätten sie sich erst gestern ihren letzten Puberbätspickel ausgedrückt, und schließen einen Milliardendeal ab. Ich habe die Pubertät etwas länger hinter mir, bin aber auch ähnlich weit von meiner ersten Milliarde entfernt. Frustrierend.

Leider sind die Dinge, die mir im täglichen Leben so in den Sinn kommen, nicht dazu geeignet, reich zu werden. Saugnapfhaken, die endlich nicht mehr mitten in der Nacht von den Wänden ploppen. Gepresstes Puder, das nicht direkt zerbröselt, lässt man die Dose versehentlich mal auf die Fliesen fallen. Strumpfhosen, die nicht permanent rutschen und unschöne Falten werfen. Unterwäsche, die nicht an allen Ecken und Enden kneift – und das, ohne auszusehen, als sei sie ein Erbstück der Großmutter.

Alles Dinge, die vielleicht das Leben erleichtern, sicherlich aber keine Millionen oder gar Milliarden abwerfen würden. Vermutlich nicht mal einen müden Euro. Und da es heute fast nichts gibt, das es nicht gibt, hilft nur das Schaffen neuer Begehrlichkeiten. Immerhin sind iPhone, Facebook und 3D-Filme ja auch nichts anderes als künstlich erzeugte Bedürfnisse. Oder haben wir ohne das Wissen um sie früher etwas vermisst? Eben.

Gelungen fände ich eine Art Pulsuhr, die beim Lesen von Facebook-Status und -Meldungen meine Herzfrequenz misst und direkt jene „Freunde“ aussortiert, bei denen ich mich in den letzten drei Tagen besonders gelangweilt habe. Das würde mir unzählige weitere öde Minuten und Stunden mit ihnen sowie das lästige Löschen per Hand ersparen.


Lieben und Sterben in 3D

Es gibt viele Dinge, die der Mensch nicht braucht. Fußpilz ist so etwas. Oder auch Hautausschlag am Tag des ersten Dates. Bücher von Charlotte Roche, Musik von Lana del Rey (ja, das hatten wir schon), Politik von der FDP. Für mich zählen noch ein „Tatort“ mit Til Schweiger und das wiederholte Schauen von „Dirty Dancing“ dazu.

Auch „Titanic“ gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsfilmen. Freute ich mich also schon, als das Ding 1998 endlich aus den Kinos und den Medien verschwand, ist die Verwirrung heute umso größer. „Titanic“ ist zurück. In 3D. Ein sinkendes Schiff und Menschen in Panik zum hautnahen Miterleben … Wer möchte das nicht – außer Kapitän Schettino? Zumindest macht es einem die Musik von Celine Dione leichter, dem nahenden Ende mit Freude entgegen zu blicken.

Bisher habe ich mit 3D ohnehin so meine Probleme. Nicht nur, dass ich mir mit der benötigten Brille völlig bescheuert vorkomme, auch fällt es mir schwer, den Anblick meines ebenfalls Brille tragenden Begleiters zu verarbeiten. Das kann bei einer Beziehungen in Anbahnung ernsthafte Folgen haben. Auch wird mir schnell schwindelig, wenn Auge und Hirn die Bilder nicht richtig zusammenbringen, so dass ich die erste halbe Stunde im Kino mit einer Art Sehkrankheit zu kämpfen habe.

Da der Mensch aber offenbar das Abenteuer sucht, zu dem er im wahren Leben viel zu feige ist, machen Filme in 3D natürlich Sinn. „Der weiße Hai“, „Dawn Of The Dead“ oder „Matrix“ wären gute Streifen für den echten Nervenkitzel. Aber zwei spätpubertierenden Twens beim Lieben, Schwitzen (Autoszene) und Sterben zuzusehen, finde ich nicht so prickelnd.


Geistlose Massenkompatibiltät

Ich konnte manchen Hype nicht nachvollziehen, der sich im Laufe meines bisherigen Lebens aufgetan hat. Und ich sah schon so einige kommen und gehen. Mit Vanilia-Hosen in den 80ern ging ich noch konform, würde sie allerdings heute wohl nicht mehr und auch nicht wieder tragen wollen. Gleiches gilt für meine damalige Begeisterung für Madonna und spätere Vorliebe für Buffalos. Eurodance in den 90ern und Lana del Rey 2012 sind dagegen Dinge, die mir stets fremd geblieben sind und auch immer fremd bleiben werden.

Möglicherweise entspricht mein Geschmack nicht in allen Belangen dem der breiten Masse, was nicht hießt, dass ich etwas Besonderes bin. Mitnichten. Dennoch zeigt sich gerade jetzt mal wieder, dass sich Gutes noch lange nicht durchsetzen muss, nur weil es eben gut ist. Wie Harald Schmidt. So ein guter Mann mit so einem wachen Geist, einem grandiosen Humor und bisweilen internationalem Late-Night-Show-Flair. Alles Dinge, von denen Markus Lanz übrigens Lichtjahre entfernt sind. (Gut, das ist egal, denn sicher hätte Herr Schmidt niemals „Wetten, Dass …?“ moderieren wollen. Hat ihn eigentlich irgendwer gefragt?) Dennoch wird Schmidts Show Anfang Mai mangels ausreichend Zuschauer eingestellt, während Thomas Gottschalk trotz Quoten weit unter dem messbaren Bereich in der ARD weiter vor sich hin moderieren darf. Verkehrte Welt.

Was ist nur mit dem deutschen Publikum los? Weiß man einen guten Showmaster nicht mehr zu schätzen? Ist geistiger Reichtum heute nicht mehr gefragt? Warum lobt man eine so öde, dicklippige Lana in den Himmel, während andere Künstler mit mehr Substanz kaum Beachtung finden?

Auch meine kleinen Texte haben im Vergleich zur Kolumne von Franz Josef Wagner in der Bild weit weniger Leser. Vielleicht ist das schon ein nicht unwichtiger Hinweis auf den intellektuellen Verfall unserer Gesellschaft. Vielleicht aber auch nicht.


Nur ein toter Nachbar ist ein guter Nachbar

Ja, die Überschrift mag ein bisschen progressiv sein, aber …

… seine Nachbarn zu hassen, hat in Deutschland längst Tradition. Beinahe jeder ist schon mal mit den Menschen neben, über oder unter ihm in Konflikt geraten. Meist fühlt man sich gestört durch zu laute und/oder zu schlechte Musik, zu lauten und/oder zu häufigen Geschlechtsverkehr oder zu lautes Getrampel von oben. Nicht weniger selten fühlen sich die anderen wiederum durch zu laute und/oder zu schlechte Musik, zu lauten und/oder zu häufigen Geschlechtsverkehr oder zu lautes Gebrülle von unten belästigt.

Die Zeiten, in denen man sich bei seinen Nachbarn noch Zucker oder Eier leihen konnte, ohne Angst davor haben zu müssen, durch die geschlossenen Wohnungstür erschossen zu werden, sind schon lange vorbei. Meine Nachbarn sind gerade eben ausgezogen. Das Drogengeschäft lief zu gut, und sie suchen nun die Ruhe auf dem Dorf. Verstehe ich – wenn man morgens früh um 6 Uhr von der Kripo, Geldeintreibern oder Junkies aus dem Bett geklingelt wird, ist das ja echt kein Spaß. Auch nicht für die, bei denen diese durchweg sympathischen Gesellen klingeln, wenn drüben niemand aufmacht. Ehe ich jedoch einen perfiden Schlachtplan ausbaldovern konnte, um die drei Ansammlungen minderwertiger Biomasse, die dort auf 40 Quadratmetern vor sich hin verrotteten, raus zu mobben, waren sie auch schon weg.

Für das, was mich da nun erwartet, bin ich gewappnet und nehme mir einen Mann aus Großbritannien zum Vorbild. Er beschallt das Haus seiner ungeliebten Nachbarn seit Monaten mit patriotischen Songs, Churchill-Reden und Hitler-Parodien. Alles hübsche Ideen, die Scooter-Alben auf Repeat, laut aufgedrehte Till Schweiger-Filme, in denen nur Till Schweiger spricht, und die geloopte Aufnahmen eines Zahnarztbohrers schlagen. Klar ist schon jetzt: Der „Neue“ kann sich auf was gefasst machen.


Tiere sind die besseren Menschen

Ich werde wunderlich. Aufgefallen ist mir das dank meiner unnatürlich positiven Reaktion auf Tierfotos und -videos. Stundenlang kann ich mich über Clips mit Hunden, Erdmännchen und anderen Niedlichkeiten amüsieren. Ganze Nachmittage und Abende mit Loris, Babyeulen und mehr Getier füllen. Wogegen ich um Zeichentrick- und Animationsfilme mit Tieren einen großen Bogen mache, denn auch hier reagiere ich außergewöhnlich heftig. Traurige Mäuse, verängstigte Fische und einsame Pinguine – und ich löse mich in meine Bestandteile auf.

Möglicherweise liegt es daran, dass ich im Laufe der Jahre feststellen musste, dass Tiere einfach die besseren Menschen sind. Weniger Enttäuschungen, weniger Ansprüche und viel mehr Zufriedenheit im Allgemeinen. Dabei ist so ein Hundeleben ja auch nicht immer ein Zuckerschlecken. Habe ich mir sagen lassen. Wenn ich mir meinen eigenen Hund allerdings gerade so ansehe, befällt mich schon der Neid. Schlafen, fressen, furzen, streicheln lassen und niedlich sein. Mehr muss so ein Tier nicht können. Gut, viele Männer haben ein ähnliches Repertoire zu bieten und begeistern dennoch nicht annähernd in der Form. Zumindest nicht länger als drei Minuten. Bei Hunden hält so eine Liebe schon mal 15 Jahre und länger.

Warum ich euch das erzähle? Ich habe keine Ahnung. Schuld daran ist wohl gerade mal wieder ein mein Herz erweichender Clip über eine ganze Reihe von Baby-Faultieren in einem speziellen Reservat, das sie u.a. bei der Milbenkur zeigt. Süüüß!


Digitale Vergangenheitsbewältigung

Ich habe frühzeitg meinem Heimatort den Rücken gekehrt. Grund für meine Flucht in die nächstgrößere Stadt war nach der Schließung des letzten Kinos, des einzigen Plattenladens und dem eher mageren bis nicht vorhandenen Club- und Kulturangebot der zwingende Wunsch, gewissen Menschen nicht länger begegnen zu müssen.

Ich war nicht bei einem einzigen Klassentreffen seither. Gut, ich war auch zu keinem eingeladen, aber das spricht wohl auch schon für sich – bzw. für/gegen mich. Ansichtssache. Ich habe keinen Kontakt mehr zu Menschen von einst. Wozu auch? Welche Interessen sollten mich heute noch mit den Leuten verbinden, mit denen ich schon im Kindergarten nur widerwillig meine Förmchen teilte oder denen ich mit der Schüppe in der Hand gern fühlbar die Meinung sagte? Und mit Menschen, die es bis heute aus der piefigen Kleinstadt nicht herausgeschafft haben?

Viele meiner heutigen Freunde haben wenigstens noch einen Uralt-Freund aus grauer Vorzeit, mit dem sie lose in Kontakt stehen oder sich gar eng verbunden fühlen. Meine „ältesten“ Freundschaften beziehe ich bereits aus dem Clubkontext, wenngleich ich zugegeben muss, dass wir seinerzeit laut Jugendschutzgesetz noch längst nicht in Schuppen wie diesen hätten rumhängen dürfen.

Facebook wird heute ja gern zur Auffrischung längst überholter Bekanntschaften missbraucht. So geschieht es immer wieder, dass jemand, den ich mich nur schemenhaft erinnere, meint, ich könnte mich – auf Besuch in der Heimat – ja mal melden. Gerne sind das übrigens Leute, die seinerzeit entweder nichts mit zu tun haben wollten oder deren Mobbing ich lange Zeit ausgesetzt war. Ich probiere es in den meisten Fällen mit dauerhaftem Ingorieren solcher Anfragen, bin ich doch zu wohlerzogen, ein klares „Nein danke, verpiss dich!“ auszusprechen. Das hole ich nun mit dieser Kolumne nach. Bin schon gespannt, wie viele Facebook-Freunde ich in einigen Tagen weniger habe.


Time To Say Goodbye, Part II

Anfang bis Ende der 80er war ich ein ziemlich großer Madonna-Fan. Mit allem, was im post- bis prepubertären Alter von 12 bis 20 Jahren eben so dazu gehörte. Große Ohrringe, Ketten mit überdimensionalen Strasskreuzen, weite Netzoberteile zu ansonsten knapper Bekleidung und Eltern, die angesichts dieses in einer Kleinstadt doch eher gewagten Stylings die Hände über dem Kopf zusammenschlugen.

Bis heute hege und pflege ich mein Vinyl ihres ersten Albums inkl. Hits wie „Borderline“ und „Holiday“. Und auch „Like A Virgin“, „True Blue“, „Like A Prayer“ und „Erotica“ werden regelmäßig entstaubt. Spätestens Mitte der 90er trennten sich dann unsere Wege, und beim 1998 erschienenen „Ray Of Light“ war ich komplett raus. Das lag sicherlich an dem meinerseits gewandelten Musikgeschmack, andererseits aber auch an mangelnder Originalität ihrerseits. Ein bisschen sind wir also beide Schuld an der Misere.

Wenn ich heute an Madonna denke, dann eher mit einem bitteren Beigeschmack. Nicht, dass ich die Diskussion unterstützten möchte, die regelmäßig über ihrer im Alter von 53 Jahren recht gewagten Outfits und Bühnenauftritte entbrennt. Dank Sport, gesunder Ernährung und der modernen Wissenschaft und Technik um Lifting, Hyaluron, Botox und Photoshop sieht sie ja tatsächlich – zumindest professionell geschminkt und von weitem – noch ganz passabel aus. Aber in Würde altern geht sicherlich anders.

Viel schlimmer finde ich, dass Frau Ciccone musikalisch mittlerweile ähnlich auf Sand läuft, wie filmisch. „Susan … verzweifelt gesucht“ war seinerzeit mein Mantra – Herrgott, ich war 14! – doch kaum etwas, das darauf folgte, ist heute noch eine Erwähnung wert. Dies gilt nun eben leider auch für ihre Musik. Nicht nur, dass ich den Titel ihrer neuen Single – „Girl Gone Wild“ – für eine Frau von 53 Jahren ziemlich unpassend gewählt finde, gehe ich doch davon aus, dass sie selbst das besungene Girl ist bzw. sein möchte. Auch der mir Schmerzen verursachende Billo-Eurodance-Sound der Nummer hätte es nicht mal in den musikalisch ohnehin schon teils unterirdischen 90ern geschafft, in irgendeiner Großraumdisko auf dem platten Land gespielt zu werden.

Und daher geht es mir mit Madonna ein bisschen so wie mit Thomas Gottschalk und/oder Michael Ballack. Aus Bewunderung – oder zumindest Respekt – wird Mitleid. Rechtzeitig den Absprung zu schaffen ist eben eine Kunst, die nicht jeder beherrscht.


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 202 other followers